"Die Erfolgsrezepte der Störer - Was etablierte Parteien von extremen Konkurrenten lernen können"

Wahlen sind Beschwerden mit den Füßen (3)

Der Blick über den Tellerrand

Im Beschwerdemanagement analysieren wir nicht nur eigene Fehler, sondern auch fremde Erfolge. Warum gewinnen AfD und BSW Kunden? Nicht weil ihre „Produkte“ besser sind, sondern weil ihre Kundenansprache funktioniert.

Strategie 1: Direkter Kundenkontakt

AfD/BSW: Stehen auf Marktplätzen, in Fußgängerzonen, vor Fabriktoren

Etablierte: Sie sind präsent auf X (Twitter), Talkshows, Parteizentralen

AfD/BSW: Sind nicht nur zu Wahlkampfzeiten im Gespräch, sondern auch unabhängig von Wahlkampfphasen und Stichtagen.

Etablierte: Sie bauen ihre Stände nur in Wahlkampfzeiten auf.

AfD-Erfolg: Sie hören zu, bevor sie reden

Etablierte-Fehler: Sie reden, ohne zuzuhören

AfD-Erfolg: Sie greifen Beschwerden auf und machen sie sich zu eigen.

Etablierte-Fehler: Sie widersprechen und thematisieren ihre Handlungsunfähigkeit.

Strategie 2: Einfache Lösungen für komplexe Probleme

Kundenproblem: „Alles wird teurer“

AfD-Antwort:
„Die EU und die Migranten sind schuld – wir schaffen das ab“

Etablierte-Antwort:
„Die Inflationsursachen sind multifaktoriell und erfordern koordinierte europäische Maßnahmen…“

Warum das funktioniert:
Menschen wollen Lösungen, keine Problembeschreibungen

Strategie 3: Emotionale statt rationale Ansprache

AfD/BSW-Methode:

  • Wut kanalisieren: „Ihr habt recht, wütend zu sein!“
  • Schuldige benennen: „DIE sind verantwortlich“
  • Hoffnung verkaufen: „WIR ändern das“

Etablierte-Methode:

  • Daten präsentieren: „Laut Statistik…“
  • Komplexität betonen: „Es ist kompliziert…“
  • Verständnis fordern: „Haben Sie Geduld…“

Strategie 4: Anti-Establishment-Positionierung

Botschaft: „Wir sind wie ihr – gegen die da oben“

Beweis: Werden von Medien und Politik attackiert

Wirkung: Sympathie durch gemeinsame Gegner

Strategie 5: (sozialer) Beweis durch Opferrolle

AfD-Narrativ: „Wenn sie uns so bekämpfen, müssen wir richtig liegen“

BSW-Narrativ: „Die Kriegstreiber wollen uns mundtot machen“

Psychologie: Menschen sympathisieren mit Underdogs

Strategie 6: Community-Building statt Partei-Building

Traditionelle Parteien: Hierarchisch, bürokratisch, altmodisch

Neue Akteure: Bewegung, Familie, Gemeinschaft

Erfolg: Menschen wollen dazugehören, nicht verwaltet werden

Was etablierte Parteien lernen können (ohne extremistisch zu werden)

Do’s:

  1. Direkter Bürgerkontakt: Regelmäßige Bürgersprechstunden ohne Anmeldung
  2. Einfache Sprache: „Wir machen X, damit Sie Y haben“
  3. Emotionale Verbindung: Zeigen Sie, dass Sie die Wut verstehen
  4. Konkrete Lösungen: Weniger „Wir prüfen“, mehr „Wir machen“
  5. Authentizität: Fehler zugeben, Unsicherheit eingestehen

Don’ts:

  1. Nicht kopieren: AfD-Themen übernehmen schwächt nur die eigene Marke
  2. Nicht verteufeln: „Alle AfD-Wähler sind Nazis“ macht alles schlimmer
  3. Nicht ignorieren: „Das geht vorbei“ ist gefährlich naiv

    Die Gratwanderung

    Erfolgreiche Kundenrückgewinnung ohne Prinzipienverrat:

    • Zuhören ohne zustimmen: Sorgen ernst nehmen ≠ Lösungen übernehmen
    • Einfach ohne populistisch: Klare Sprache ≠ falsche Versprechungen
    • Emotional ohne manipulativ: Empathie ≠ Angstmache

    Fazit

    Extreme Parteien sind erfolgreiche Beschwerdesammler. Etablierte Parteien sollten lernen, wie man Beschwerden abholt – ohne extremistische Lösungen zu verkaufen.

    Weiterführende Informationen

    In der nächsten Folge schreibe ich daüber, wie Parteien Bürgernähe zurück gewinnen können